Wer die Wahl hat… hat viel Arbeit und viel Ermutigung!

Am

von

Wiebke Jung

Während die Öffentlichkeit gerade die Namen der neuen Preisträger und der Menschen und Projekte auf der Auswahlliste zum ersten Mal hört, geht für die Jury ein langer, mühsamer und vor allem sehr interessanter Auswahlprozess zu Ende, bei dem wir alles in jeglicher Variante und Konstellation begutachtet haben.

Nach der Ausschreibung in der Presse und unseren Netzewerken kommen zwischen November und Ende Januar viele mehr oder weniger dicke Umschläge und mehr oder weniger ausführliche Mails im Stiftungsbüro an. Anfangs scheinen es jedes Mal wenige zu sein – „Zu wenige?“, fragen wir uns dann etwas besorgt. Am Ende ist es aber immer ein dicker Ordner voll – zwischen 50 und 90 Vorschlägen.

Übersetzung, Orientierung, Wahl der Auswahlliste

Schon während die Bewerbungen eintrudeln, fängt Birte Detjen, die zu Friedenspreiszeiten einen Werkvertrag bei uns hat, an, die englischen Vorschläge zu übersetzen und zusammenzufassen. Natürlich können die ungekürzten Fassungen auch jederzeit eingesehen werden, und jede und jeder im Kuratorium kann die vollständige Bewerbung in den Originalsprachen lesen und im Internet weiter recherchieren. Es ist aber eine große Erleichterung, die sich aus der Erfahrung vergangener Jahre entwickelt hat, dass alle 15 Mitglieder des Kuratoriums einen Ordner mit allen nummerierten, zusammengefassten und übersetzten Vorschlägen bekommen, um sich anhand dessen ein Bild aller Friedenspreiskandidatinnen  und Kandidaten zu erarbeiten.

In dieser Phase ist es dann meistens so, dass wir bei Treffen in der Gruppe schon ganz erfüllt davon sind, wie ermutigend diese Arbeit mal wieder ist. In „Friedenspreisjahren“, also jedes zweite Jahr, nutzen wir die jährlich stattfindende Klausurtagung der Stiftung, zu der wir für ein Wochenende in ein Tagungshaus außerhalb Bremens fahren, ausschließlich der Vorauswahl. Dabei werden inzwischen nur noch maximal 13 Projekte (die früher höhere Zahl hat sich als schwer zu händeln erwiesen) und Personen auserkoren, die in die engste, später auch publik gemachte Wahl kommen.

Dafür gehen wir zunächst Vorschlag für Vorschlag durch, tauschen Eindrücke aus, fragen nach dem Fachwissen und den Recherchen der jeweils anderen und hören ganz besonders auf diejenigen unter uns, die in einem Themenbereich oder Erdteil spezielle Kenntnisse, Kontakte und Erfahrungen haben. Schön ist es zu erleben, wie viele verschiedene Aspekte durch die unterschiedlichen Sichtweisen, Fachrichtungen, Altersstufen und Überzeugungen unserer Kuratoriumsmitglieder dann zusammengetragen werden und wie sorgfältig abgewogen und eventuell nachrecherchiert wird.

Zuordnung Kategorien und engere Auswahl Preisträger

Nach der ersten Sichtung schauen wir darauf, welche Projekte und Personen schon so bekannt sind, dass sie unseren Preis nicht mehr brauchen oder von der Kategorie „Unbekannte Friedensarbeiterin“ doch eher in die Kategorie„Öffentliches Wirken“ gehören. Es bleibt unser zentrales Anliegen, gerade unbekannte Menschen und kleine Graswurzel-Aktivitäten zu ehren.

Diesmal hatten wir an einem Abend auch die Gelegenheit, Filme und Video-Beiträge verschiedener Bewerber anzuschauen und uns darüber auszutauschen. Überraschend und schön war es, so an der Kreativität vieler Basis-Initiativen teil zu haben. Eine inhaltliche Runde zur Reflexion der diesjährigen Akzente im Vergleich zu den Themen der letzten Preisträger löste wichtige Gedanken darüber aus, was unsere Entscheidungen prägt und inwiefern sich die Themen der Zeit in unseren Entscheidungen spiegeln.

Mit einem weit dünneren Ordner und manchem Recherche-Auftrag fahren wir dann wieder nach Bremen in unseren Alltag. Wir schlafen über die Ergebnisse, lesen weiter im Netz und anderswo und kommen erst sehr viel später wieder zu einer Sitzung in Bremen zusammen.

PR für Preisträger und Auswahlliste: mit Social Media und neuer Website

Bis dahin steht im Büro die Arbeit am Friedenspreis natürlich nicht still. Texte über die 13 möglichen Preisträger werden geschrieben und übersetzt. In diesem Jahr war darüber hinaus die neu gestaltete Website ein großes Thema. Bei Veröffentlichung der Preisträger sollte sie online gehen, Die Vorbereitung der damit verbundenen Darstellung der Projekte aus der Auswahlliste im Netz war ein großes Thema, das viel zusätzliche Arbeit kostete. Im Zuge dessen setzen sich die Kuratoriumsmitglieder auch – häufig erstmalig - mit dem Thema Social Media auseinander. Denn das Ziel des Preises ist es ja, solche Inititaiven bekannter zu machen und die guten Nachrichten zu verbreiten, wobei Facebook und Co gerade im internationalen Kontext ein gutes Mittel sind. Deswegen haben wir – trotz anfänglicher Bedenken – nun auch schon seit einigen Wochen eine Seite bei Facebook und dort viele Kontakte neu aufbauen, vertiefen und lebendig halten können.

In den Jahren zuvor hatten wir die Projekte und FriedensarbeiterInnen, die in der Vorauswahl waren, aber letztlich keinen Preis bekamen, in einer schönen gedruckten Broschüre dargestellt, um auch sie zu würdigen. Angesichts der Kosten und geringeren Reichweite einer solchen Broschüre gehen wir nun erstmals den Weg, eine Auswahl ebenfalls preiswürdiger Projekte im Internet zu präsentieren. Katharina Jung beriet uns bei dem umfassenden Prozess und konzipierte den neuen Web-Auftritt, der Graphiker Benjamin Binder entwarf ein neues Logo und gestaltete die Seite, das Unternehmen „Gesamtkunstwerk“ stellte ehrenamtlich seine Kenntnisse zur Verfügung, zwei Praktikantinnen halfen uns sehr bei all der Text- und Übersetzungsarbeit.

Plädoyers und endgültige Auswahl

Im April kam das Kuratorium zusammen, um aus den verbliebenen 13 Bewerbern die Preisträger auszuwählen. Diese Sitzung ist die spannendste, wohl jede/r geht mit FavoritInnen in die Sitzung, die damit beginnt, dass jede/r für maximal drei Kandidaten in jeder Kategorie ein Plädoyer halten kann. Durch Mehrheiten und Argumente stellt sich heraus, welche Kandidaten an der Spitze stehen. Sie werden nach Regionen sortiert und jede/r sollte abwägen, welche Kombinationen denkbar sind, da wir ungern alle aus der gleichen Region oder mit den gleichen Themen ehren wollen. Durch die Vergabe von Punkten auf einer Wandzeitung werden deutliche Tendenzen sichtbar. So gab es zum Beispiel in diesem Jahr außerordentlich viele gute Vorschläge aus Lateinamerika. Durch Vergabe von Punkten an der Wand mit den Namen stellen sich sichtbare Tendenzen her. Klar war diesmal sehr schnell, wer den Preis in der Kategorie „Öffentliches Wirken“ bekommen sollte: Das Ehepaar von Bernsdorff aus dem Wendland.

Zwei denkbare Kombinationen blieben übrig: jeweils eine Kandidatin aus Lateinamerika und eine aus Asien. In einer letzten Runde wurde über diese alternative Kombination abgestimmt. Natalia Sarapura und die Organisation „Insan Dost Association“ konnten etwas mehr Stimmen auf sich vereinen. Da viel Raum für Argumentation, Austausch und Prüfung da ist, können zumeist auch diejenigen, deren erste Wahl nicht zum Zuge kam, zufrieden in die weitere Vorbereitung der Preisverleihung gehen und sich von Herzen über das Ergebnis freuen. Sehr gespannt und neugierig sehen wir der tatsächlichen Begegnung mit den Preisträgern im November bei der Friedenspreisvergabe in Bremen entgegen.