Vergangenheit und Hochwasser in Bosnien

Am

von

Anette Klasing

Geplant war ein Seminar in Nordbosnien mit dem schwelle-Partner Center for Peacebuilding zum Thema „Im Schatten der Vergangenheit“. Als wir am 20. Mai über Zagreb mit dem Bus nach Bosnien fuhren, waren wir ein wenig über die Hochwasserkatastrophe informiert, unsere Partner in Sanski Most hatten auf die dramatische Lage hingewiesen, uns aber dennoch ermutigt, zu kommen. Insofern waren wir zwar vorbereitet, aber dennoch etwas unsicher, was uns ‚drüben’ erwarten würde.

Unsere Gruppe bestand aus sechs Frauen der Jugend- und Erwachsenenbildung, die über das Bremer Lidice-Haus an dem Seminar teilnahmen. Bei unserer Ankunft bei der NGO ‚Fenix’ sahen wir über 40 junge Leute auf dem Hof: sie warteten auf den angekündigten Truck aus Slowenien mit Hilfsgütern. Unsere Partner Vahidin, Mevludin (CIM) und Emina (Fenix) empfingen uns mit großer Freude, aber die Erschöpfung war ihnen schon deutlich anzumerken. Sie hatten immerhin schon 3 Tage ‚rund um die Uhr’ geackert, um die Verteilung der Hilfsgüter zu organisieren.

Hochwasser in Bosnien: Pause auf dem SofaAn diesem Abend kamen zwei große Trucks an: alle Waren mussten ausgeladen und zunächst bei Fenix zwischengelagert werden. Sogleich nach der Ankunft der ersten Lieferungen berichtete uns Vahidin von der konfliktreichen Auseinandersetzung mit dem örtlichen Roten Kreuz: der Direktor weigerte sich zunächst, die Trucks mit den Hilfslieferungen zu Fenix durchzulassen sowie die KollegInnen von CIM und Fenix mit der Verteilung zu betrauen. Die Begründung: HelferInnen könnten ja Waren stehlen! Solch ein Misstrauen entsetzte unsere Partner doch sehr. Es folgten mehrere Verhandlungen – zusammen mit dem Bürgermeister von Sanksi Most – bis endlich geklärt werden konnte, dass sowohl CIM als auch Fenix diejenigen sein sollten, die für die Koordination und Organisation des Ganzen zuständig sein sollten. Welch großes Vertrauen und welche Solidarität beiden NGO’s entgegen gebracht wurde, konnten wir selbst in den Tagen vor Ort erleben.

Auch wir packten dann mit an: als der Truck abends auf den Hof fuhr, bildeten sich ganz schnell Ketten, um die Waren ins Haus zu tragen bzw. auf dem Hof zu stapeln. Dank der vielen Hände konnte der 10-Tonner schnell leer geräumt werden. Emina (Fenix) schmunzelte als sie uns sah und sagte ‚Na, ihr seid jetzt mitten im Seminar. Das ist unser Seminar hier!’ Mevludin erklärte uns, dass sie eigentlich ja noch ‚Glück im Unglück’ gehabt hätten, denn im Nordosten Bosniens war die Lage weitaus dramatischer: dort droht eine Seuchengefahr und auch eine Gefahr durch angeschwemmte Landminen aus dem letzten Krieg.

Hochwasser in BosnienSpäter gingen wir noch durch den Ort und sahen die schlimmen Folgen: viele der Häuser und Gärten in Sanski Most standen noch unter Wasser, der Hausrat wurde am Straßenrand gestapelt und jeder versuchte, noch zu retten, was zu retten war.

Um 8 Uhr morgens: das Gelände von Fenix mit all seinen Blumen, Gärten und Gewächshäusern machte einen friedlichen und harmonischen Eindruck. Kaffee trinken auf der Terrasse! Aber das hektische Treiben drum herum war der Hinweis auf die Situation vor Ort. Emina setzte sich zu uns und erzählte von ihren Beobachtungen und Gesprächen mit den betroffenen Familien vor Ort. Viele Menschen, die durch den Bürgerkrieg in den 90iger Jahren ihre Angehörigen und ihren gesamten Besitz verloren hatten, sind nun ein weiteres Mal vom Verlust betroffen. Emina berichtete, dass sich am Tag zuvor zwei Menschen das Leben genommen hatten. Wir waren fassungslos. Sie sagte uns, dass viele Menschen das Erlebte nicht verarbeiten können und es keine Psychologen und Therapeuten geben würde. Eine von der Flut betroffene Frau hätte ihr gerade gesagt, dass bei ihr ‚der Krieg wieder präsent sei’. Alle würden sich nach Normalität sehnen, aber die Normalität würde einfach nicht kommen.

Zudem erschwert die hohe Abwanderungsquote junger Leute das ‚funktionierende Leben hier’. Sie beklagte die ihrer Meinung nach völlig absurde politische Struktur des Landes: drei ‚Entities’ mit drei Verfassungen und eigenen Regierungen. 150 Minister. Und nichts funktioniere richtig.

Später besuchten wir dann mit Vahidin und Mevludin Familien, deren Häuser durch das Hochwasser zerstört sind. Wir nahmen Pakete und Tüten mit Wasser, Lebensmitteln und auch Kleidung mit. Bevor die Häuser überhaupt wieder renoviert werden können, müssen sie austrocknen. Das dauert wochenlang, so Mevludin.

Besuch bei einer Familie auf dem Land

Bei all den traurigen und problematischen Ereignissen gab es doch etwas, was Vahidin nahezu glücklich stimmte: dass die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit in diesem Moment offenbar keine Rolle spielt. Er erzählte mir, dass eine Frau ihn zunächst skeptisch angeschaut habe und ihn nicht in den Garten eintreten lassen wollte. Sie war eine Serbin. Nach einem kurzen Gespräch über seine Organisation und seine Arbeit bei CIM öffnete sie die Gartentür und ließ ihn hinein. Diese kleine Begebenheit stimmte Vahidin froh. Er erzählte uns, dass wir nun ganz nahe an dem Dorf seien, in dem seine Familie gelebt hatte. 60 Personen aus seinem familiären Umfeld sind im Bürgerkrieg umgebracht worden.

Zurück am späten Nachmittag gingen wir in Sanksi Most zur sog. ‚Gedenktafel’ mit den Namen der ermordeten Frauen, Männer und Kinder. 700 Namen, gedruckt auf eine Plastikfolie. Nun war ich geschockt: wieso auf einer Plastikfolie??? Mevludins sarkastische Bemerkung dazu: das sei doch praktisch, so könne man dann einfach zu jeder Zeit die Folie abnehmen und das Ganze vergessen machen.

Plötzlich waren wir (wieder) mitten in einer Diskussion über den Umgang mit Erinnerung und Geschichte, unser Thema auch während der Tagung im LidiceHaus im November 2013.

Frühmorgens um 8:00: es sind bereits erneut viele Menschen auf dem Gelände bei Fenix eingetroffen. Ein neuer Truck aus Slowenien war angekündigt. Wir trafen uns am Vormittag in den Räumen von CIM: dort waren auch noch Frauen mit dem Desinfizieren der Räume im Erdgeschoss beschäftigt. Wir waren mit Vahidin und Mevludin verabredet, die sich den Vormittag frei geschaufelt hatten, um mit uns über Themen ihrer Arbeit wie z. B. ‚Identitäten’ und ‚Vorurteile & Stereotypen’ zu arbeiten. Auch wenn ununterbrochen ihre Handys klingelten, war es Beiden wichtig, uns etwas Zeit ‚zu schenken’ und uns an ihrer eigentlichen Friedensarbeit teilhaben zu lassen.

Abends trafen wir uns dann mit unseren Partnern und Freunden zu einem gemütlichen Beisammensein und Abschlussgespräch. Alle waren der Auffassung, dass es gut war, das Seminar nicht abgesagt zu haben und trotz der Krise gekommen zu sein. Die Teilnehmerinnen der Bremer Gruppe haben es alle nicht bedauert, dass das Programm ‚auf den Kopf gestellt’ werden musste. Vieles, was wir erfahren und erleben konnten, wäre unter ‚normalen Umständen’ nicht so nah gekommen.

Möglichkeiten für die Hochwasseropfer zu spenden finden Sie hier