Und trotzdem gewaltfrei – ein Zwischenbild aus Kroatien

Am

von

Ana Raffai

Als wir von der Friedensdekade in Baden nach Hause, nach Kroatien, zurückfuhren, hatte ich ein Gefühl wie vor vielen Jahren als wir nach Jugoslawien zurückkehrten: eine bedrückende Sorge, dass ich in eine unfreie Situation zurückkomme. Seit Jahren habe ich dieses Gefühl vergessen. Die Stimmung, die bei uns in der letzten Zeit herrscht, und seit den Wahlergebnissen in Amerika noch verstärkt wird, hat dieses Besorgnis als stimmig bestätigt. Mal wird etwas gesagt, was die Freiheit um einige Zentimeter einschränkt, mal wird etwas im Namen vom Katholischen behauptet, das aus meiner Sicht verformt ist. Und was mich sehr besorgt, ich beobachte, wie eine Anpassung an das Religiöse stattfindet. Jene, die nicht religiös sind, versuchen, um gehört zu werden, sich in den Diskurs der Gläubigen einzuordnen. Das verstehe ich als Anerkennung unserer Machtposition, was für mich so enttäuschend ist.

Es leuchten die Adventslichter in Zagreb und in vielen Städten Kroatiens. Man würde denken, ein typisch katholisches Land. Aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit: eigentlich wird Advent seit einigen Jahren in immer mehr Städten Kroatiens sehr gut vermarktet. Im immer konservativer werdenden katholischen Kroatien wird das Warten auf das Kommen vom kleinen Gott erfolgreich als eine tolle, verrückte Party, mit den wichtigsten Accessoires Würstchen und Glühwein, verkauft.

Es ist schwer heute sich der Versuchung zu widersetzten, ironisch oder zynisch zu werden. Gewaltfrei ausgedrückt beschreibe ich meine Stimmung in der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen so: ich bin enttäuscht, besorgt, traurig und wütend. Ich beobachte eine Veränderung der Atmosphäre, die am ehesten in der Sprache registriert wird: im Zulassen und zu wenig Widersetzen gegenüber sexistischer, homophober, fremdenfeindlicher Ausdrücke. Enttäuscht bin ich, denn das deute ich als Niederlage meiner Gesellschaft, meiner Kirche, von mir selbst. Es ist der Verlust in einer Gesellschaft, die sich doch aus der ideologisch gesteuerten, sozialistischen Gleichheitspolitik in eine gelebte Demokratie, in der ihre bewussten Bürger Gleichberechtigung als ihren Wert pflegen, entwickeln wollten. Es ist eine Niederlage meiner Kirche, weil viele diskriminierende Initiativen unter den Siegeln und Symbolen des Katholischen angeboten werden. Die andere Bedeutung des Katholischen, dass Gott für jeden Menschen Mensch geworden ist, damit wir in diesem Geist jeden Menschen annehmen, kommt nicht vor, bleibt unsichtbar. Die Hoffnungslosigkeit droht uns zu überdecken.

Ich hörte in einer Rundfunksendung zwei politisch aktive Katholiken, die ihre Zufriedenheit zum Sieg von Trump äußerten, zu dem 52% der katholischen Wähler beigetragen haben. Einer der Gäste in der Radiosendung verglich Trump mit Kaiser Konstantin, den er lobte, weil er 313 den Christen die Freiheit gebracht habe. Diese Interpretation von Konstantin habe ich nichteinmal im Theologiestudium vor gut 35 Jahren so gelernt! Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich unvorbereitet an die Theologie Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert fühle.[1] Es wäre nicht so schlimm, dass der Mann das II. vatikanische Konzil verschlafen zu haben scheint, wenn dieser Konstantin-Fan nicht der Familienbeauftragte der kroatischen Bischofkonferenz wäre. Die katholischen Aktivisten versuchen uns zu überzeugen, indem sie die Probleme der Ungleichheit und Ungerechtigkeit verschweigen. Und da ist vielleicht unsere Chance, aus der Ohnmacht auszusteigen.

Zu gewaltfreiem Verhalten gehört zuhören: aktiv zuhören was unsere Gegner wertschätzen, um auf ihre Werte einzugehen und was sie verschweigen, um unsere Werte zu behaupten. Beides brauchen wir in unserer Auseinandersetzung, die zum Dialog führt. Wenn unsere Trump-Sympathisanten ihre Zufriedenheit mit seinem Sieg zeigen, loben sie die Redefreiheit, die sie der politischen Korrektheit, wie sie sie verstehen, entgegensetzen. Es ist doch enttäuschend zu hören, dass politische Korrektheit jemanden stört. Die Korrektheit in der Intention, mit der Sprache andere nicht zu verletzten, ist doch mit christlichen Werten vereinbar. Sie denken nicht daran, dass eine Hasssprache keine Umgebung schafft, in der eine katholische Familie und christliche Kindererziehung gelingen kann. Aber ihr Fokus liegt nicht darauf, sondern sie vermissen die Freiheit, ihre politische Meinung gegen homosexuelle Ehe z.B. ohne Angst vor Strafe, äußern zu können. Das Bedürfnis nach der Freiheit kann ich gut hören und respektieren. Aber sie verschweigen den steigenden Rassismus, der in USA und nicht nur dort zu beobachten ist. Kein Wort verwenden sie, um z.B. die Bewegung „Black Life Matters“ zu erwähnen, geschweige denn zu unterstützen. Hat das Recht auf Redefreiheit Vorrang vor dem Recht auf das nackte Leben? Das ist für mich ein Konfliktausgangspunkt, den ich mit meinen Gegnern diskutieren möchte.

Ich kann nicht ohne tiefen Trauer beobachten, dass die politische Position gegen Abtreibung mehr als 50% der Katholiken dazu bringt, dass sie alle sexistischen, rassistischen und  fremdenfeindlichen Aussagen von Trump „schlucken“ – mit Entsetzen beobachte ich denselben Mechanismus hier, mit dem bei uns Nationalismus mit Religion verschmelzt wird.

In diesem Mechanismus entfachtet sich bei uns die Lobbyarbeit gegen das bestehende Abtreibungsgesetz. Natürlich werden die Frauen nicht gefragt, in den Diskussionen um Abtreibung kommen sie nicht vor. Sowohl die Redner sind hauptsächlich Männer, wie auch die Inhalte der Debatte, in der die Frauenpositionen einfach als unwichtig umgangen werden. In der aktuellen finanziellen Reform ist nicht die Rede von sozialer Gerechtigkeit, es wird kein Recht auf menschliche Lebensbedingungen (Arbeit oder Wohnung z.B.) erwähnt, obwohl dafür biblische Texte wie auch unsere Erinnerung an die sozialistische Vergangenheit sprechen. [2]

Mag sein, dass wir vom totalitären, sozialistischen Gedankengut verdorben sind, aber es ist nicht ihr Antikommunismus, der mein Widerwille gegenüber den Aussagen meiner politischen Gegner und meiner katholischen Mitbrüder und Mitschwestern weckt. Ich höre in der konservativen politischen Option einen tiefen Egoismus, der sich hinter christlicher Symbolik und Gewohnheiten einer unausgebildeten Volksreligiösität versteckt. Diesen Egoismus kann ich nicht mit christlichen Werten verbinden.

Ich frage mich, was ist an uns zu tun? Welche Aufgabe haben die „Gläubige für den Frieden“, welche RAND? Was bedeutet in diesem Zusammenhang, sich für die aktive Teilnahme von Gläubigen beim Aufbau einer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft einzusetzen?

Wie kann die Hoffnung nicht austrocknen? Für mich als Katholikin ist es eine Niederlage, dass 52% der Katholiken einen Präsidenten wählen, der sich mit seinen sexistischen und rassistischen Aussagen weltweit bekannt machte. Wie sieht Hoffnung aus, die trotz der aktuellen Niederlage gegen Bedrohungen „immun“ ist, ohne die Verluste zu leugnen?

Wie kann die Hoffnung erkannt werden? Jene die es gibt. Sie steckt in den Widerständen der ZuhörerInnen, die sich bei der erwähnte Radiosendung mit ihrem Widerstand gegen die konservative, katholische Sympathie für Trump meldeten: verwechselt nicht den Präsidenten mit dem Christentum. Nehmt die Bibel und lest sie bitte, sagte eine Frau. Solche katholische Stimmen treffen wir immer wieder. Die Luft ist zwar schwer, aber wir sollten nicht zulassen, dass die Strategie des Verschweigens uns überdeckt. Es bleibt die Herausforderung, in einer Öffentlichkeit zu reden, in der gewaltfreies Differenzieren als Schwäche wahrgenommen wird. Wie reden gegen Unsichtbarkeit der gewaltfreien Artikulation, die in unserem Glauben gründet? Wie sich der Anpassung an die Gewalt widersetzten? Damit wir nicht vergessen, dass unser Glaube uns verpflichtet, uns für ein erfülltes Leben für alle Menschen einzusetzen. Nur in dieser Richtung ist uns Gottes Beistand versprochen.


[1] In einer Diskussion über die Armut und die steigende Ungleichheit in der Gesellschaft widersprach ein Befürworter der konservativen Werte und bestritt jede Kausalität zwischen Armut und Ungleicheit. Stattdessen bot er Erklärungen an, die aus der Katholischen Encyklopedie aus 1908 stammen.

[2] Wir schauen im Fernsehen unsere regierenden Minister und Abgeordneten, die sehr engagiert verteidigen, dass sie ihren gesamten Reichtum ehrlich und mit eigenem Erfolg verdient haben. Wir haben einen 39 Jahre jungen Finanzminister, der sich in knapp 12 Jahren (wenn er in seinen ersten 27 Jahren studierte) auf dem Arbeitsmarkt so erfolgreich verwirklicht, dass er zwei Wohnungen in Zagreb hat, eine Armbanduhr von 50.000 kn / 7.000 Euro, ein Auto von 50.000 Euro, Aktien von 600.000 Euro und eine halbe Millionen Kuna Ersparnis hat. Ist das populistisches Gerede in einem Land, in dem Lehrer um einen Monatslohn bestohlen wurden, da Verträge nicht eingehalten wurden? Und ihr Lohn liegt bei 6.000 Kuna (800 Euro), was immerhin noch doppelt so viel ist wie der Lohn einer Verkäuferin.

Ana Raffai von RAND, Kroatien

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