Gewaltfreier Widerstand in Bosnien-Herzegowina

Am

von

Ana Raffai

Letzten Freitag, genau um 17.30 begannen neue Proteste in Sarajevo. Zugleich wurde das fünfte Plenum in Sarajevo für 21.03. angekündigt. In Tuzla, der Ausgangsstadt der bosnischen Proteste, versammeln sich die Menschen noch öfter in Vollversammlungen, Plenen genannt. Die Plenen sind neben den täglichen Protesten in mehreren Städten in Bosnien und Herzegowina, also auch in Banja Luka und Mostar, die sichtbarste Art und Weise, wie die BürgerInnen ihren Widerstand zeigen. Noch immer, zwei Wochen seit dem Beginn der Proteste, ist eine friedliche humorvolle Atmosphäre zwischen den Menschen spürbar, was durch viele Einzelheiten die wir aus öffentlichen Medien herauslesen, erkennbar ist. So hat sich ein junger Mann in die Reihe von Polizisten gestellt. Die Polizisten sind mit Schutzschildern ausgerüstet, er hält zwischen ihnen ein handgezeichnetes Herz auf einem Blatt in der Hand. Oder eine junge Frau, die gefragt wurde, warum sie weine antwortete dass sie weine, da sie gesehen habe, wie auch ein Polizist geweint habe.

Die Demonstrierenden tragen und verteilen weiter gelbe Streifen. Es ist ihr Zeichen, dass alle gleich sind. Es ist ein Versuch, sich gegen die nationalpolitische Interpretation der Proteste zu wehren, wie sie besonders stark von den benachbarten Medien, wie hier aus Kroatien dem Večernji, zu beobachten ist. Die Zeitung versucht die Proteste, die keine nationalen Themen behandeln, unter nationale und nationalistische Raster einzuordnen. Dagegen wehren sich die Leute auf den Straßen bosnischer Städte, indem sie alle drei Fahnen (die bosnische gelb/blaue, die kroatische mit weiss-roten Quadraten und die serbische mit den vier Cs) zusammengebunden tragen. Ein Land, in dem alle Staatsinstitutionen vervielfacht sind ist so teuer, sodass seine BürgerInnen in die Armut gedrängt werden. Dagegen richten sich die Proteste, gegen die unmenschlichen Umstände in denen die Leute gezwungen sind, zu leben. Dagegen sagen sie „Es reicht!“.

Die Plena können wir per Internet verfolgen. Es sind über zwei Stunden dauernde Sitzungen, an denen hunderte BürgerInnen teilnehmen. Es ist einer der wenigen Orte in der ganzen Region, an denen die Teilnehmenden mit Bürger und Bürgerinnen, also in beiden Geschlechtern angesprochen werden. Diese gendersensible Art zu reden gilt auch für andere Orte, wo sich die Demonstrierenden zu Wort melden. Es ist ein Indikator der Struktur der Bevölkerung, die bis jetzt in den Widerstandsgruppen das Sagen haben. Es ist m. E. wichtig zu notieren, denn oft ist die Gendersensibilität eine der ersten Sachen, die nach der Revolution schnell in Vergessenheit gerät.

Die Prinzipien des Plenums sind: Gleichberechtigung, Solidarität und Gewaltfreiheit. Wieder sind also Plena eine der sonderbaren Orte in der Region, an denen ausdrücklich Gewaltfreiheit gefördert und verlangt wird. Plena arbeiten in Arbeitsgruppen (zwischenstädtische Kooperation, Medien, juristische Fragen, Redaktion der Bürgerbeschwerden / -anfragen an die Regierung, Protestorganisation). Solche Organisationsformen, die sich am Modell der direkten Demokratie orientieren, kennen wir aus vergangenen Studentenprotesten in Kroatien. Diese Organisation funktioniert auf dem Balkan, trotz des Misstrauens, das am lautesten von Medien (Journalisten, Philosophen) und von politischen Parteien geäußert wird. Die Zeitungsartikel sind nicht einseitig, aber m. E. ist die Sensibilität für den friedlichen, gewaltfreien Widerstand bei den Meinungsbildnern in den Medien schwach. Außer Deutungen, die das Geschehen nur durch die nationale Brille wahrnehmen, sind hier überwiegend jene zu hören, die eine Entschlossenheit in Form von Gewalt befürworten. Denn, so ihre Argumentation, es sei „die einzige Sprache, die die politische Oligarchie versteht“. Solche Gewaltunterstützung macht mir Sorgen, ihre Analysen sind gefährlich und ich finde, man soll wie immer man kann, die gewaltfreie Art und friedliche Widerstandsformen unterstützen. Diese Bitte richte ich auch auf Dich /Euch.

Es wäre so schade, wenn die friedliche Bewegung in Bosnien durch Meinungsmache, die für die BürgerInnen gefährlich ist, gestoppt wird. Hier scheint mir, dass eine Radikalisierung von linker wie von rechter Seite droht. Das heißt, dass auch diejenigen, die sich in den 90er Jahren gegen den Krieg einsetzten und heute für Menschenrechte eintreten, sich verirren und für gewalttätige Veränderungen eintreten. Es ist eine Gefahr, denn die Leute in Sarajevo sind müde und leicht empfänglich für schnelle Lösungen. Ich bin traurig, wenn ich von meinen FreundInnen höre, wie nah auch sie an Zerstörungslösungen sind. Von meiner Seite sind es meistens patriarchale Machomodelle (die Artikel werden vorwiegend auch von Männern im Diskurs starker Polemik, Ironie, Anschuldigungen geschrieben). Ich bin besorgt, denn dieser Diskurs ist Kriegssprache, schwach an Dialogannäherung, ohne Empathie aber mit viel schwarz-weiß Malerei, in der immer wir die Guten bleiben.

Die Verlierer, die Opfer von Gewalt, werden nicht die starkmauligen Schreiber sein, sondern immer die einfachen Menschen auf der Straße, wie wir jetzt leider an den Ereignissen in der Ukraine sehen. Aber ist es nicht einfach, heute von hier aus den Menschen zu zeigen, dass die Gewinner der Gewalt am Ende immer die Machthaber sind, also jene, gegen die die BürgerInnen auf die Straße gehen, um für eine besser Zukunft einzutreten.

Mit diesem Artikel will ich Dich /Euch wach halten für etwas Wunderbares was in Bosnien und Herzegowina passiert. Es ist der aufrechte Gang dieser Menschen, die seit dem Krieg unter den Missständen gelitten haben. Wenn du willst kannst du sie dabei unterstützen, nicht zur Gewalt zu greifen.

Ich glaube, es ist wichtig, dass sie sich nicht allein fühlen. Und es ist wichtig, so erinnere ich mich an die Kriegszeit, dass die Umgebung die Gewalt nicht billigt. Zuhören und Empathie zeigen ist für mein Verständnis der erste Schritt, um Respekt zu zeigen. Dann aber kann die klare gewaltfreie Position hilfreich sein, für die Zukunft, die Bosnien und Herzegowina verdient.

Herzlich und mit dem Gruß von Arche
Joie et paix

Ana Raffai von RAND

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