Engagierte Europäer

Am

von

Petra Titze

Von Europaverdrossenheit war nichts zu spüren, als wir, drei Mitglieder der schwelle, das langjährige schwelle-Projekt IRSH – Young Intellectuals Hope – für vier Tage in Shkodër, Nordalbanien, besuchten. Wir stießen vielmehr auf Unverständnis, wenn wir erzählten, wie wenig die anstehende Europawahl die Menschen in Deutschland berührt.

Für die Studentinnen und Studenten die sich ehrenamtlich in IRSH engagieren ist es eine Herzensangelegenheit als Botschafter Albaniens – des kleinen vergessenen Landes im Südosten Europas – unterwegs zu sein und ein positives Bild ihres Landes zu zeigen.

European Union Information Centre in AlbanienWir wurden sehr herzlich empfangen und bei spannenden Begegnungen konnten wir Einblick in die arbeitsweise von IRSH bekommen. So diskutierten wir intensiv mit den Mitarbeiterinnen vom EUIC – European Union Information Centre die die albanische Bevölkerung über die EU informiert – seit Albanien zu den potenziellen Beitrittskandidaten der Europäischen Union zählt. Viel wird nach Arbeitsmöglichkeiten und den dazugehörigen Dokumenten gefragt, aber auch nach Asylmöglichkeiten. Zwischen der jungen Leiterin des Zentrums Shehiada Pironiqi und Saimir Beqiraga von IRSH war deutlich, dass sie eine gute Arbeitsebene haben. Oft richten sie gemeinsam Seminare aus, um besonders junge Menschen zu erreichen und sie über die EU und die Vor- aber auch Nachteile eines Beitritts zu informieren.

Einig sind sich sie beide, dass es für einen Beitritt Albaniens in die EU auch die aktive Beteiligung der Bevölkerung bedarf, es reicht nicht abzuwarten und auf die PolitikerInnen zu schimpfen. Z.B. muss sich beim Thema Umweltschutz auch etwas in den Köpfen der AlbanerInnen verändern, ebenso bei den Themen Korruption, Gender oder anderes. Da überschneiden sich die Intentionen der beiden Organisationen und es wirkte auf uns als eine fruchtbare Kooperation.

Human Dimension in AlbanienDer nächste Begegnungspunkt war Human Dimension – Treffpunkt  für ältere Menschen. Ehrenamtlich leiten zwei Frauen, Donika Selimi und Dr. Zenepe Dibra, die Organisation. In einem mit Unterstützung der Weltbank sanierten Gebäude haben sie einen Treffpunkt für ältere Menschen eröffnet, sie treffen sich für gemeinsame Aktivitäten und zur gegenseitigen Unterstützung. Durch Spendensammlungen können sie eine Krankenschwester anstellen, die sich um Diabetespatientinnen kümmert.

IRSH hat Kontakt zu Human Dimension aufgenommen, um die Begegnung von jungen und älteren Menschen zu ermöglichen. Mit viel Spaß haben IRSH-Mitglieder z.B. die Gruppe einen Tag bekocht und gemeinsam gefeiert und sie unterstützen sie mit ihren Computern, um Skype-Telefonate mit ihren Kindern zu ermöglichen, die ins Ausland ausgewandert sind.

Die IRSH-Mitglieder trafen wir im vereinseigenen Haus, wo sie uns offen und begeistert über ihre Aktivitäten informierten. Eigenständig betreuen die jungen Leute (es sind – auch das ist nicht alltäglich in Albanien – mehr aktive Frauen als Männer dabei) eigene „Departments“, die für unterschiedliche Bereiche verantwortlich sind, und die alle an den globalen Zielen von IRSH arbeiten: die Unterstützung einer friedvollen Entwicklung der Zivilgesellschaft in Albanien mit den Schwerpunkten Frieden, Jugend und Menschenrechte.

Die Departments arbeiten zu den Themen Umwelt, Mitbestimmung der Gesellschaft, Jugend, Sport und Menschenrechte. Die IRSH-Mitglieder haben sehr offen und engagiert auf unsere Nachfragen geantwortet und uns Einblick in ihre Debatten- und Arbeitskultur gegeben. Dabei ist für uns deutlich geworden, dass es immer wieder Selbstbesinnung bedarf, um BotschafterIn für Albanien zu sein. Zu leicht scheint es sich in endlosen lamentierenden Diskussionen über negative Themen im Kreis zu drehen: die allgemeine Korruption, das Desinteresse der Bevölkerung, mangelndes Umweltbewusstsein etc. Die IRSH Mitglieder unterstützen sich gegenseitig positive realistische Veränderungsmöglichkeiten in den Blick zu nehmen und in kleinen Schritten anzufangen und die großen Visionen dabei nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein spannender Einblick in eine sich entwickelnde Zivilgesellschaft.

Albanische AlpenWir hatten noch Zeit für einen Nachmittagsausflug in die atemberaubenden Albanischen Alpen, die mit ihren schneebedeckten Gipfeln das Stadtbild von Shkodër prägen. Wir liefen ein wenig durch die Landschaft, bis sich uns ein junger Mann anschloss, der uns gerne die Naturschönheiten seines Dorfes zeigen wollte. Wir kletterten kleine Pfade hoch, bis zu einem beeindruckenden Aussichtspunkt, Reinhard und Susanne wanderten mit ihm noch weiter die Berge hinab, bis sie auf die Straße kamen, wo wir sie wieder einsammelten. Eine warmherzige spontane Begegnung mit der albanischen Gastfreundschaft, die so gar nicht zu den immer wieder gehörten Warnungen vor Reisen in dieses Land passt.

Insgesamt hat uns das Projekt mit seiner Eingebundenheit in Shkodër überzeugt. Es wirkt in seinen Ansätzen überlegt und sinnvoll, gleichzeitig auch mit der notwendigen Portion Spontaneität, die die Arbeit mit jungen Ehrenamtlichen mit sich bringt. Mit seinen ehrenamtlichen Strukturen, der Möglichkeit junge Menschen zu politisieren und ihnen Raum für ihre politische Entwicklung zu geben und gewaltfreie Ansätze in ihrer Arbeit zu integrieren, ist IRSH ein spannendes, dynamisches Projekt.