...da berühren sich Himmel und Erde… Corymeela am Wege

Am

von

Wiebke Jung

Wir sind im Urlaub. Die Stiftungsarbeit ist weit weg. Über Südengland und Wales sind wir nach Irland gefahren, durch's Landesinnere weit nach Norden. In der Gegend von Ballycastle/ Nordirland erreichen wir die Küste – hier wollen wir eine Zeit lang bleiben, ein Bed and Breakfast finden, wandern, die Gegend entdecken. Da es regnet, gehen wir erstmal in das nächste Cafe – eher eine Cafeteria, aber mit Blick auf Hafen und Küste. Auf einmal trauen wir unseren Augen kaum – da liegt doch ein Regenbogen auf dem Meer, er wird deutlicher, rundet sich und bleibt als Bogen zwischen einem kleinen Windrad an der nahen Steilküste und dem Hafen, an dem wir sitzen, stehen. „Da oben müsste ungefähr Corymeela liegen“, sage ich zu meinem Mann.

Von Corymeela habe ich ihm früher mal viel und begeistert erzählt, als ich 2007 auf einer europäischen Tagung von „Church and Peace“, einem Netzwerk christlicher Friedenskirchen und Friedensarbeiter, dort war. Irgendwie war das auch ein Grund, dass ich diese wunderschöne Küste wiedersehen und erkunden wollte, aber das haben wir zu diesem Zeitpunkt fast vergessen.

Unser Bed and Breakfast liegt dann sozusagen Corymeela zu Füssen, und natürlich geht kein Weg daran vorbei, dass ich es Reinhard zeige. Das Windrad gehört tatsächlich zur Kommunität, und als wir am Eingang der Häuser stehen, bestehe ich darauf, nun auch hineinzugehen.

Ein alter Herr sitzt Zeitung lesend im Eingangsgebäude und verweist auf einen Kollegen, der uns freundlich empfängt, sofort anbietet, uns herumzuführen und eine junge Freiwillige aus Deutschland herbeiruft. Sie gehört zu den circa 20 jungen Freiwilligen aus verschiedenen Ländern, die in einem ganz neuen Haus wohnen, das Coventry Corymeela geschenkt hat. Begeistert berichtet sie kurz – von der Gemeinschaft der jungen Leute, der Schönheit des Ortes, Bereitschaftsdienst in den Tagungshäusern, Küchendienst, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und dem Lernen gewaltfreier Konfliktbearbeitung.

Unser Führer selbst stellt sich als Chris vor, der zur Gründergeneration der frühen Sechzigerjahre gehört und nun als Rentner eine Woche als Freiwilliger Präsenzdienst im Haus macht. Das Eingangsgebäude erkenne ich wieder, die Zimmer, offene Küche, Essbereich und Tagungsräume mit ihren Kaminen und weiten Blicken über das Meer auch. Ein ganz neues Tagungshaus mit den heutigen Standards ist gerade dazu gekommen. Das Herz von allem ist und bleibt das „Creek“ ein schneckenförmig angelegter Bau, fast unsichtbar von Weitem, eingepasst in die Umgebung – ein besonderer Versammlungsraum, der das Gefühl der Geborgenheit weckt. Hier wird von Mitgliedern der circa 160 Menschen umfassenden ökumenischen Gemeinschaft, die nicht zusammen leben, täglich eine offene Andacht gehalten. Offen zuerst für Christen aller Konfessionen, offen aber auch für andere Religionen und eher säkular geprägte Menschen. Was hat dieser Raum nicht alles erlebt seit 1964! Wie viele Feinde sind hier ganz langsam und über Jahre Freunde geworden.

Hier in Corymeela wurde möglich gemacht, was unmöglich schien: Kämpfer beider Seiten begegneten sich im Schutz dieser einsamen Gegend und einer verschwiegenen vertrauenswürdigen Gemeinschaft, die von Anfang an katholische und protestantische Nordiren umfasste, Menschen verabredeten sich zur gewaltfreien Verhinderung des nächsten blutigen Aufeinandertreffens beider Seiten. Es wurde und wird gelernt und geübt, wie Konflikte ohne Gewalt ausgetragen werden können und ungewöhnliche Absprachen mit Polizei und beiden Konfliktparteien wurden getroffen. Das Christentum wurde neu entdeckt und der vermeintliche Religionskonflikt anhand der Narrative beider Gruppen als politischer und sozialer Konflikt erkannt.

Gut erinnere ich mich, wie auf der Reise 2007 das Wort Corymeela zum Schlüsselwort wurde, das jeder kannte und das uns alle Türen öffnete. Der Erfolg und die Anerkennung der Gemeinschaft von Corymeela gegenüber sind noch gewachsen, so sagte uns unser Begleiter. Der Regierungsbeauftragte für den Friedensprozess ist einer ihrer Leute. Die neuen Unruhen erklärt er uns u.a. damit, dass die in der Geschichte dominante Gruppe der Unionisten Privilegien verlor.

Natürlich beschränkt sich die Arbeit der Mitglieder dieser Kommunität nicht auf Nordirland. Ihre Mitglieder sind z. T. Ausbilder, Referenten und Vermittler in anderen Zusammenhängen und Konfliktfeldern und Corymeela auch ein Ort der internationalen Fortbildung und Begegnung. Ich werde es nie vergessen, wie die bosnischen, kroatischen und serbischen Teilnehmer und Teilnehmerinnen der damaligen Tagung bei einer Rundfahrt durch Belfast zu verschiedenen Initiativen immer wieder sagten: Es ist möglich! In einem so heftigen, blutigen und langjährigen Konflikt kann wieder Frieden wachsen.

Wir beiden verabschieden uns nach unserem Rundgang herzlich mit der festen Absicht, die ermutigende Arbeit von Corymeela und die Situation in Nordirland in Bremen bekannter zu machen.

Wo Menschen sich verbünden
Den Hass überwinden
Und neu beginnen
Ganz neu
Da berühren sich Himmel und Erde
Dass Frieden werde unter uns.

(Kirchenlied, Text T. Laubach)