Bürgernahe Beratungsstrukturen

Am

von

Rosemarie Klesse

Erfreuliche Ausweitungen des Projektes MHOLA in Tansania.

Bei der Projektreise 2012 hörten wir von den langfristigen Plänen des kleinen Beratungsprojektes am Viktoriasee. Jetzt, drei Jahre später, haben sie einen Großteil ihrer Pläne verwirklicht.

Als die kleine 4-köpfige Afrika-Arbeitsgruppe der schwelle im März 2012 in Tansania war, um erstmals das neue Förderprojekt MHOLA (Mama's Hope Organization for Legal Assistance) zu besuchen, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was einige wenige juristische Profis mit vielen eigens dazu ausgebildeten freiwilligen Laien-RechtsberaterInnen (paralegals) und ehrenamtlichen EntscheidungsträgerInnen im Projektvorstand seit 2006 in Bukoba, der Hauptstadt des Distriktes Kagera, auf die Beine gestellt hatten, war kaum zu glauben.

Vulnerable children are supported by MHOLA enjoying their rights of playingDas Hauptziel von MHOLA ist es, die Rechte von Frauen und Kindern zu stärken, das spiegelt sich auch in seinem Namen wieder: „Mama's Hope“. Dabei geht es einmal darum, Frauen durch Mediation und juristische Beratung zu ihrem Recht zu verhelfen, auch nach dem Verschwinden oder Tod ihres Mannes Land zu besitzen und zu behalten, mit dem sie sich und ihre Kinder ernähren können (seit 1997 gibt es in Tansania ein Gesetz, das dieses Recht den Frauen garantiert, aber es wird von vielen Dorfältesten – besonders auf dem Lande – den Frauen trotzdem streitig gemacht. Siehe auch schwelle-Jahresbericht 2012). Neben der juristischen Beratung und Vertretung der Frauen in ihren konkreten Landstreitigkeiten geht es MHOLA aber auch darum, dass Frauen und Kinder selbst ebenso wie die Macht- und EntscheidungsträgerInnen in den Institutionen geschult und trainiert werden, die Rechte von Frauen und Kindern zu verwirklichen. Dazu gehört z.B. auch, die Bildungschancen von besonders gefährdeten Kindern, z.B. Waisenkindern, zu verbessern; und der Hauptgrund dafür, dass es in Kagera so viele Waisenkinder gibt, ist, dass viele Eltern an Aids oder an Malaria sterben. Damit gehören die Themen Gesundheit und vor allem Health Promotion auch zu den wichtigen Themen, um die sich MHOLA kümmert.

Während des damaligen zwei-wöchigen Aufenthaltes bei MHOLA wurden die Gäste aus Bremen auch in die ländlichen Regionen des Distriktes geführt und wir begriffen, dass die meisten betroffenen Frauen und Kinder nicht in der Stadt Bukoba wohnen sondern eben gerade auf dem Land, wo die Schwierigkeiten, die Beratungen von MHOLA in Anspruch zu nehmen um ein vielfaches größer sind als in der Stadt, besonders wenn nicht nur ausreichende Transportmöglichkeiten zur Fahrt in die Stadt, sondern auch das Geld, diese zu benutzen, fehlen. Und Kagera hat 5 große Landdistrikte, die z.T. 300 km von Bukoba, der Hauptstadt, entfernt liegen.

Damals hörten wir – ungläubig – von MHOLAs 3-Jahres-Plan, in Muleba, einem der Landdistrikte, eine Zweigstelle des MHOLA-Büros aufzubauen – und das hieß auf einem Stück Land ein neues Gebäude zu bauen –, in dem nicht nur Beratungsräume und Büros, sondern auch ein Internetcafé, eine Bibliothek und größere Schulungsräume für die mehrtägigen Trainings der freiwilligen Laien-BeraterInnen untergebracht sein sollten. Außerdem – so war der Plan – sollten so viele Freiwillige ausgebildet werden, dass in jeder der 5 Regionen ein Paralegal-Team für die Beratungen im Vorfeld der juristischen Auseinandersetzungen zur Verfügung stünde.

Paraleagal Training in KaragweIn den 3 Jahren seit dem schwelle-Besuch in Tansania hat MHOLA seinen Plan "übererfüllt":
Heute, Anfang 2015, haben sie nicht nur diese eine Zweigstelle in Muleba als Community-Center (Gemeindezentrum) tatsächlich aufgebaut, sondern auch noch 2 Häuser für die Tagesbetreuung von 77 gefährdeten Kindern gebaut. Außerdem wurden noch in zwei anderen Distrikten MHOLA-Zweigstellen eingerichtet. Daneben hat MHOLA inzwischen so viele Freiwillige zu RechtsberaterInnen ausgebildet, dass inzwischen 7 Paralegal-Teams in den ländlichen Regionen Kageras der dort lebenden Bevölkerung mit Mediations- und Beratungsangeboten zur Verfügung stehen. Zusätzlich wurde ein MHOLA-Büro (liaison office) in Dar es Salaam an der Ostküste Tansanias (etwa 1000 km entfernt von Bukoba) eingerichtet.

Eine interne Rekonstruktion der Projekt- und Bürostrukturen hat für mehrere der hauptamtlichen Teammitglieder unterschiedliche Fortbildungen gebracht und das Zentralbüro in Bukoba wurde umgebaut und renoviert sowie mit modernen EDV- und anderen Kommunikationsmitteln ausgestattet.

Wenn man den strategischen Entwicklungsplan von MHOLA für die Jahre 2015 – 2019 liest, dann traut man dem höchst motivierten, engagierten, im strategischen Denken und Netzwerkeknüpfen äußerst erfolgreichen Team durchaus zu, dass sie große Schritte auf die Erreichung ihrer 7 Schwerpunktziele für die nächsten 5 Jahre tun werden.

Diese sind u.a.:

  • das Wissen in der Bevölkerung über Landrechte, Frauen- und Kinderrechte, Menschenrechte, über soziale Unterstützung und gerichtliche  Vorgehensweisen verbessern.
  • den Wissenstand in der Bevölkerung über HIV/AIDS und Gesundheitserziehung erhöhen.
  • Maßnahmen umsetzen, um gegen das Anwachsen der Verletzung von Kinderrechten in der Gesellschaft (Recht auf Bildung, Gesundheit, Nahrung, Kleidung, Hilfe bei psychosozialen Nöten) vorzugehen.
  • Maßnahmen ergreifen gegen die Eskalation von Gewalt gegenüber Frauen in der Gesellschaft (verprügeln, berauben von Frauen, Verweigerung  von weiblichen Erbrechten, Recht auf Landbesitz etc.).
  • Maßnahmen durchführen gegen negative Einstellung in den Gemeinschaften gegen Flüchtlinge und Zwangsmigration.

Worüber man auch nur staunen kann, ist die große Fähigkeit der MHOLA-Leitung, für diese vermutlich noch ein paar Jahre dauernde kostenintensive Auf- und Ausbauphase des Projektes viele verschiedene in- und ausländische Geldgeber gewonnen zu haben, sodass MHOLA inzwischen ausreichend Geld hat, um seine Arbeitsfelder auszubauen (wenn auch noch nicht ausreichend Mittel, um seine MitarbeiterInnen ausreichend und regelmäßig zu entlohnen).

Und ihre Aufgabe sehen sie ja nicht nur  in der Fürsorge für Menschen in der Region Kagera, sondern auch in gesellschaftspolitischen Entwicklungsaufgaben – community development – besonders was die Trainings der Macht- und EinflussträgerInnen betrifft, was beispielhaft für ganz Tansania ist.

Die breit aufgestellte Finanzierung minimiert die Gefahr, dass das Projekt geschlossen werden muss, wenn ein großer Geldgeber wegfällt. Was es allerdings für die MHOLA-Projektmanager bedeutet, zur Zeit 11 verschiedene Geldgeber zu gewinnen, bei der Stange zu halten, zu informieren und die einzelnen Geldbeträge jährlich getrennt abzurechnen, kann nur ermessen, wer sich mit der jahrelangen Arbeit in fremdfinanzierten Projekten auskennt. MHOLA nötigt mir in jeder Beziehung einen hohen Respekt ab.